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Hell - Hell Hell Hell
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See HELL on the cover of the current issue of DEUTSCH magazine.

Music and fashion was always the passion

Fotoshooting in einem Berliner Loft. Hübsche Frauen mit Kamera und Fusselrolle. Gutaussehende Männer
mit Puderquaste und Mobiltelefon. Dazwischen ein drahtiger, geduldiger und trotz Erkältung gut
gelaunter DJ Hell im Smoking. Die Fotografin findet die Fliege schrecklich. »Kann ich nicht eine Krawatte
dazu anziehen?«, schlägt Hell vor. Die Stylistin meint, Smoking und Krawatte zusammen: »Nee«. In
einer Umbaupause können wir reden. Er spricht schön, mit bayerischer Färbung und in swingendem
Rhythmus. Hier also: DJ Hell über das Zusammenspiel von Mode und Musik, Andy Warhol, kalkuliertes
Chaos in der Plattenkiste und wie lange das alles noch so weitergehen soll.

Man sieht, Du nimmst das hier alles sehr gelassen. Lässt du einfach mit Dir machen, oder ist das Dein eigener Stil, den wir hier sehen?
Ich bringe immer eigene Ideen und aktuelle Styles mit. Vieles wird vorher mit den Fotografen und Stylisten abgesprochen, denn die Vorstellungen können unterschiedlich sein, und dann prallen manchmal
Welten aufeinander, die nicht zusammenpassen. Letztens in Spanien habe ich gesagt, ich möchte Andy War-Hell sein, und die Stylisten sollten doch bitte Perücke und Brille organisieren, was auch sehr gut funktioniert hat. Ich sah wirklich aus wie Andy Warhol, ein typisches Andy Warhol Sakko hatten wir auch und ein entsprechendes Fahrrad. „Andy War-Hell“, das war ein schlüssiges Konzept.
Woher die Affinität zu Andy Warhol?
Andy Warhol! Es geht ja mehr um seine Lebensphilosophie, alles unter einem Dach zu haben: Arbeitsmöglichkeiten um Filme zu drehen, Fotoshootings zu machen, oder einfach Leute einzuladen, Parties zu feiern, Leute zu motivieren, neuen Impulsen nachzugehen, es lief ja alles in der ny-ker Factory, er war ein Magier, er hat provoziert und Neuland betreten: Er war ein Vordenker!
Sind Dein Lebensentwurf und die Arbeitsweisen bei Gigolo ähnlich?
Warhol hat zeitgenössische Kunst mit Mode, Musik und Film kombiniert, an was anderes habe ich eigentlich auch nie gedacht. Gigolo war natürlich immer mehr auf Musik fokussiert, aber wir haben auch Parties gemacht mit David La Chapelle und Amanda Lepore, die ist hier nackt im Cookies aufgetreten. Aber Gigolo sollte eher das sein, was die Beastie Boys im Hip Hop sind. Ich würde gern die Beastie Boys im Technobereich sein. Eigenen Ideen folgen, eigene Trends setzen und ein eigenes Universum kreieren.
Und was ist das „Next Big Thing“?
Ach, was heißt „Next Big Thing“, ich finde, es muss keins geben. Ich folge meinen inneren Instinkten und Impulsen, wenn ich in der Welt rumreise und Erlebtes aufnehme. Mit Electroclash hatten wir viel Aufmerksamkeit, das lag aber in der Luft. Electroclash war kein bewusst gesteuerter Trend, die Einflüsse kamen von überall, Fischerspooner aus New York, Miss Kittin aus Paris, Zombie Nation aus München, und
plötzlich war das alles Electroclash. Wir hatten keinen Namen dafür, und das musste auch keinen haben, später hieß es dann Discopunk, jetzt heißt es New Rave. Für mich ist das heiße Luft.
Aber aus dem Hype um Electroclash haben sich neue Möglichkeiten ergeben, gerade was Kooperationen mit der Mode angeht.
(lacht) Ja, man konnte ja 2000 nicht mehr weg. Überall waren Berichte in den Zeitungen, von Dior, Chanel bis hin zu Versace, lief nur Gigolo Musik
auf den Catwalks.
Was bedeutet Mode für Dich, und wo ist die Verbindung zur Musik?
Musik und Fashion, das war immer schon eine Gangart, eine Sprache, es gibt keine Modenschau ohne Musik und es gibt keine Party ohne gestylte Leute. Und das habe ich in Deutschland nie kapiert, warum man das so getrennt sieht, bzw. das nicht verbinden darf.
Ist das anderswo selbstverständlich?
Ja, weltweit, vielleicht ist Deutschland das einzige Land, in dem das nicht so verstanden wird. Für mich kann ich sagen: Music and Fashion was always the passion. Das war so, das ist so, dagegen kann man sich gar nicht wehren.
Gehst Du auch auf die Schauen?
Nicht immer, bei Dirk Schönberger vor zwei Jahren habe ich extra Musik gemacht, mit Wendy und Jim habe ich einen Deal dieses Jahr: Sie entwerfen mir meine Bühnenkostüme und ich die Musik für ihre Show. Aber das ist ja in der elektronischen Musikkultur verboten, sowas zu machen. Es gibt ja speziell DJs für die Schauen. Die spielen nicht in den Clubs, die machen nur Musik-Konzepte für Modenschauen. Ich bin einer, der beides macht, aber das wird in der elektronischen Clubkultur gar nicht gerne gesehen.
Warum? Das ist doch sehr künstlerisch.
Das frage ich mich auch.
Wird einem da Mainstream vorgeworfen? Oder ist das Missgunst?
Alles, was man sich vorstellen kann.

Aber es klingt nach einer gegenseitigen Inspiration.
Ja, ich denke auch, dass Leute wie Wendy & Jim von meiner Musik beeinflusst sind und ich andersrum von ihnen in meinem Schaffen. Meine Generation von DJs ist halt die erste, die da in Neuland vorstößt. Da gibt’s noch keine Beispiele aus der Technoszene oder der elektronischen Kultur. Dabei ist die Einheit von Mode und Musik so deutlich.
Hast du ein bestimmtes Beispiel dafür?
Es gab immer Dresscodes zu bestimmten musikalischen Epochen, in der Disco-Ära hatten die Bar-Boys im New Yorker Studio 54 immer nur knappe Höschen und Turnschuhe an (lacht) – oder nicht? Und:
Socken! Also, äh, lange Strümpfe und freien Oberkörper und das waren natürlich immer die hübschesten Jungs, die da arbeiten durften. Das war natürlich ein klares Statement, super Style, super Body: eine klare Aussage, auch wenn’s wenig war. Das verbinde ich mit Housemusic und Disco, dass der Körper, eher als die Kleidung, der Style war. Wie Peter Hein schon sagte: Bring deinen Körper mit auf die Party!
Und heute?
Das ist ein eigener Kosmos, der in der Clubkultur nach wie vor funktioniert, die Gesetze sind immer noch gültig, dieses „Dance the night away“- Motto und dass man an der Garderobe alle Sorgen und Ängste abgibt und zeigt was man hat. Oder?
Tanzt du noch?
(vergnügt) Ich tanze immer noch! Wenn ich auflege, bin ich ständig in Bewegung.
Gigolo wird nun zehn Jahre alt, wie lautet dein Fazit?
Ich freue mich auf die nächsten zehn Jahre. Das Problem ist, ich hatte noch gar nicht die Zeit, das ganze zu verarbeiten, aber diese Jahr nehme ich mir die Zeit, das in eine Buchform zu gießen, und eine Compilation wird’s auch geben.
Wirst du jetzt auch zum Verleger?
Ich hab mit Verlagen gesprochen, aber komischerweise stoße ich da nicht auf die Begeisterung, die ich mir wünsche. Die Leute sind vorsichtig, es geht gleich immer um Produktionskosten und Verkaufserwartungen. Ich hab jetzt schon Angebote von Galerien in London und Spanien, als Retrospektive zu zeigen, was in den letzten zehn Jahren passiert ist und ich denke, wenn ich das mache – was ich machen werde! – und das ganze in einer Ausstellung präsentiere, dann muss es auch ein Buch dazu geben.
Wie ist das alles zu bewältigen?
Da bin ich gerade dabei, ein Team zusammenzustellen, denn das erfordert sehr viel Arbeit: Recherchieren, Artists anfragen, Leute bitten, Material zu schicken; ich habe längst nicht mehr alles. Man muss nicht jeden Flyer zeigen, aber es gab so viele Shootings, unter anderem mit Jürgen Teller, Karl Lagerfeld, Terry Richardson und Norbert Schoerner, wir hatten ja alle mit dabei.
Was sind für Dich die magischen Punkte der letzten Jahre?
Magic Moments. Immer wieder die Love Parade Abschlussparty von Gigolo und New York 2003, wo ich New York Muscle3 produziert habe. Es ist so viel positiver Wahnsinn passiert. Aber ich will mich in dem Buch ja nicht beweihräuchern, sondern Low- und Highlights zeigen. Es gab ja auch nicht nur immer glamouröse Parties. Es gab auch Momente, in denen man müde war oder total fertig von einer langen Reise. Eine große Reise kommt auch wieder auf Dich zu, die Neverending Worldtour zu den zehn Jahren Gigolo. Hast Du nie Angst, auszubrennen?
Ich muss das für mich so gestalten, dass es körperlich zu schaffen ist und mache immer eine Skala von 10 Punkten, letztens in Wien waren es 8, 9, ne Woche vorher in München waren es auch 9. Wenn ich mehreren Parties nur 6 Punkte geben würde, dann müsste ich etwas umstellen, ich versuche immer, einen guten Schnitt zu halten.
Und wenn es nicht so läuft? Kommen dann Selbstzweifel? Bist Du hart zu Dir? Was geht dann in Dir vor?
Alles gleichzeitig. Wenn ich vier Tage in vier Städten spiele, die Reiserei, und wenn ich am vierten Tag anfange, mich musikalisch zu wiederholen, dann wird’s schwierig. Ich versuche, jedes Set einzigartig zu gestalten. Wenn ich nur zwei Nummern hintereinander gleich spiele wie am Tag davor, denke ich schon, das ist verkehrt! Das musst du anders präsentieren. Denn jede Nacht hat ihre eigene Magie, es sind andere Leute, eine andere Stadt, ein neuer Moment!
Wie löst du so eine Situation?
Ich denk dann einfach: o.k., dann spiel einfach die Sachen, die dir am besten gefallen. Und es funktioniert, weil es sich überträgt. Bei mir ist das sehr persönlich. Ich mag keine Teaser spielen, und wenn das vorkommt, dann denke ich während der Nummer sofort: Warum spielst du das jetzt?
Doch nur, um eine Reaktion zu bekommen, und das ist mir zu billig. Ich versuch’s dann auf einem anderen Weg, eleganter. Es ist sehr schwierig, wenn du auf einer Bühne stehst mit 10.000 Leuten davor, ein Gefühl für die Masse zu bekommen. In einem Club mit 500 spüre ich jeden Einzelnen. Bei 10.000 kann ich nicht sagen, ob der da ganz hinten jetzt mit mir ist oder mit sich oder schon auf dem Nachhauseweg. Deshalb versuche ich, auch bei großen Festivals eine Clubatmosphäre zu schaffen.
Hast Du ein Prinzip beim Packen deiner Plattenkisten?
Ich hab immer viel zu viel dabei. Unübersichtlichkeit muss sein, damit so eine Chaostheorie im Set funktioniert, damit man manchmal auch was nicht so schnell findet. Das ist zwar nervig, aber es fordert einen mehr und man muss sich was ausdenken, etwas probieren, was riskieren… dann sollte was Neues entstehen! Und ich wechsle die Platten eh schnell, es kommt immer ein Punkt, da merkt man: o.k., jetzt hab ich’s zum letzten Mal gespielt, das ist jetzt weg aus dem aktuellen Set.
Wie lange willst Du das noch machen?
Ein zeitliches Limit sehe ich da nicht, sondern wie bei Rolf Eden: Es ist gesundheitlich limitiert, aber sonst? Ich bin noch ganz gut in Schuß.
Hell muss wieder vor die Kamera. Er bekommt ein blaues Auge geschminkt und freut sich darüber, wie echt es aussieht. Etwas kindliches hat dieser 44-jährige DJ, eine Freude an Kleinigkeiten, so auch, als er auf einem zunächst wie ein Palästinensertuch aussehendem Kaschmirtuch
von Henrik Vibskov eine Figur aus dem alten Atari-Spiel Space
Invaders erkennt. Reizend. OA
Doppel-CD Misch Masch, Four Music
CD 10 auf Gigolo / 10 Jahre Gigolo compiled by DJ Hell



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